Äthiopien

Grossvater Hadush Teferi Gebrihet, 80, und Enkel Gebretsadikan Weldu, 17, leben im Dorf Adiharena im Osten der Region Tigray.

Grossvater Hadush Teferi Gebrihet, 80, und Enkel Gebretsadikan Weldu, 17, leben im Dorf Adiharena im Osten der Region Tigray.

Der junge Gebretsadikan träumt von einem Job in Qatar. Sein Grossvater Hadush kam früher ebenfalls weit herum, doch damals ging es ums Überleben. Hadush erklärt auch, warum es früher mehr Wasser und fruchtbares Land und trotzdem mehr Hunger gab – und warum er die alte Zeit vermisst.

Gebretsadikan Weldu hat soeben die 10. Klasse abgeschlossen. Jetzt jobbt der 17-Jährige als Nachtwächter in den Hügeln, wo Dutzende von Bienenstöcken des Dorfes stehen. Doch er brennt darauf, bald eine Ausbildung zum Automechaniker anzufangen. «Danach gehe ich für ein paar Jahre nach Qatar! Dort verdienen Verwandte von uns gutes Geld. Die Verwandtschaft wird für die Reise Geld zusammenlegen.»

Auch sein Grossvater ist früher weit herumgekommen – da ging es allerdings um Leben und Tod. «Damit unser Vieh in der Regenzeit nicht an Salzmangel starb, mussten wir jedes Jahr zu Fuss mit Tragtieren die harte Reise in die Danakil-Wüste antreten, um Salz zu holen», erzählt Hadush Teferi Gebrihet. Die Senke an der Grenze zu Eritrea gilt als eine der heissesten und unwirtlichsten Gegenden der Welt. «Es war sehr gefährlich, man konnte verdursten oder von feindlichen Stämmen getötet werden.»

Scharfsinnig analysiert der 80-Jährige die Situation damals und heute. «Mein Dorf war grün. Früher gab es Wiesen und Wälder, viel mehr Quellwasser und grosse Herden – und trotzdem herrschte in trockenen Jahren oft Hunger. Warum? Weil man nicht wusste, wie mit den reichen Ressourcen umgehen, wie die Ernte lagern, wie Wasser sammeln.» Das sei heute anders.

«Heuer war das extremste Trockenjahr meines Lebens, und doch litten wir keinen Hunger, unser Vieh überlebte. Weil wir und auch die Lokalregierung gelernt haben, was zu tun ist.»

Hunger kennt sein Enkel nicht. An Wochenenden isst er sogar manchmal im einfachen lokalen Restaurant. Früher war das nicht nur des Geldes wegen undenkbar, sagt der Grossvater: «Wer in Gaststätten verkehrte, hatte einen miserablen Ruf und fand keinen Ehepartner.»

Gebretsadikans Familie lebt noch heute in traditionellen Natursteinbauten mit gewölbtem Dach. Entscheidend verändert hat sich in Adiharena anderes: Jedes Haus hat Strom, am Dorf vorbei führt eine Strasse, Busse verkehren. Und die Menschen sind medial mit der Welt verbunden. «Wir erfuhren Neuigkeiten durch Nachbarn, Verwandte und in der Kirche», sagt der Grossvater. Sein Enkel hört zuhause Radio und schaut sich im Fernseher der Nachbarn die Fussballspiele des FC Chelsea an. In seiner Tasche steckt ein Handy.

Für Gebretsadikan war es immer selbstverständlich, dass er auf dem Hof der Familie, die mit 1,5 Hektar Land und sechs Kühen zum Mittelstand gehört, mit anpackt. Genauso selbstverständlich aber gingen er und seine Geschwister zur Schule. Von Hadushs Geschwistern wurde lediglich ein Bruder in die Priesterausbildung geschickt. Das Schlimmste früher seien aber die Krankheiten gewesen, weiss Gebretsadikan von seinem Grossvater. Masern und Windpocken zum Beispiel. Viele hätten ihre Kinder verloren. Hadesh nickt: «Wir waren machtlos, es fehlte an Medizin. Deshalb konnte man kaum für die Zukunft planen.» Heute prüfen Leute vom Wasseramt die Qualität des Wassers im Dorfbrunnen, und die Familie hat eine eigene Latrine.

Dennoch denkt der Grossvater auch mit Wehmut an früher. «Es war eine Welt voller Herzlichkeit, man liebte seine Verwandten innig. Besuchten sie uns, wuschen wir ihre Füsse, und sie segneten uns.» Die Jungen heute hätten vor allem Business im Kopf. Sein Enkel gäbe nicht viel auf Traditionen, das sehe man schon an seiner Kleidung und Frisur. Und doch sagt der Grossvater mit Genugtuung: «Er kann sein Leben viel mehr geniessen als wir damals.»