Bangladesch

Sokhina Khatun, 75, und ihre Enkelin Sinthia Sultana Dulon, 20, leben in einem der dicht bevölkerten Wohnquartiere von Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch.

Sokhina Khatun, 75, und ihre Enkelin Sinthia Sultana Dulon, 20, leben in einem der dicht bevölkerten Wohnquartiere von Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch.

Grossmutter Sokhina hat das Haus nie verlassen. Ihre Enkelin will in die Welt hinaus. Sinthia will Karriere machen und den Eltern alles sein, sogar ein «Sohn». Bloss vom Heiraten möchte sie nichts wissen.

Sokhina Khatun spricht ganz gelassen aus, was für westliche Ohren unglaublich klingt: «Als Mädchen durfte ich unser Haus und den Innenhof nicht verlassen, ich war nie ausserhalb unseres Tors.» Und damit nicht genug: «Auch nach der Hochzeit ging ich nie aus dem Haus. Selbst den Einkauf erledigte mein Mann. Die Stadt galt als unsicher.» In der Stimme der 75-Jährigen liegt keine Bitterkeit. «Die Welt da draussen machte mir etwas Angst, aber manchmal besuchten mich Freundinnen, und so stimmte es für mich.» Sokhina wurde als junges Mädchen an ihren fast 20 Jahre älteren Cousin verheiratet. Sie lebten in einem Haus aus Wellblech mit zwei Zimmern und einer Veranda. «Mein Mann arbeitete in einer Chemiefabrik. Wir hatten Strom und teilten einen Brunnen, drei Bäder und drei Toiletten mit sechs Nachbarsfamilien.»

«Nie könnte ich so leben wie meine Grossmutter», entgegnet Sinthia Sultana Dulon. Das Urteil der 20-Jährigen klingt hart: «Zu ihrer Zeit war das Leben eintönig und unfrei, ich möchte Spass haben.» Die beiden sind sich nah, das spürt man in jeder Geste, aber ihre Perspektiven könnten kaum unterschiedlicher sein. «Ich will frei sein, studieren, ich spiele Fussball in einem Frauenteam, treffe meine Freunde.» Die Informatikstudentin im zweiten Studienjahr ist bei aller Lebensfreude eine ernsthafte junge Frau. «Dhaka ist auch heute gefährlich für Frauen, damit müssen wir irgendwie leben.» Und ein Freund, das komme nicht in Frage, nicht nur, weil es nicht erlaubt ist: «Ich will mich aufs Studium konzentrieren.»

«Die Jungen haben viel Freiheit», sinniert ihre Grossmutter. «Sie wählen ihre Gatten selber, sie tragen Jeans. Das ist in Ordnung, man muss mit der Zeit gehen.» Sie sei froh, dass Sinthia die Traditionen trotzdem respektiere. Beim Thema Heiraten allerdings klingt Sinthia zunächst ganz untraditionell: «Das will ich nicht! Dann sitze ich zuhause und koche für meinen Mann, was ist das für ein Leben?» Später fügt sie hinzu: «Wenn doch, dann suchen meine Eltern einen Mann für mich. Aber ich habe das letzte Wort und kann entscheiden.» Es sind widersprüchliche Aussagen, die viel vom komplizierten Weg in eine Moderne erzählen, die ihre Traditionen bewahren will.

Sinthia wohnt mit ihren Eltern – der Vater ist Fahrer, die Mutter Hausfrau –, einem Onkel und ihrer Schwester in einer Stadtwohnung. Von der Welt und selbst von Bangladesch habe sie noch kaum etwas gesehen. Das will sie unbedingt ändern, wenn sie in zwei Jahren den Bachelor in der Tasche hat: «Ich möchte im Ausland studieren. Ich versuche alles, um ein Stipendium zu kriegen, aber es ist schwierig.»

Die Welt kennt Sinthia bis jetzt vor allem aus dem Netz. «Ich liebe Sport und Musik. Aber am wichtigsten ist mir das Internet!» Jemand hat der Familie ein Laptop geschenkt. «Ich surfe viel, so kann ich überall hinreisen», schwärmt sie. «Ich weiss, dass das Netz auch Schlechtes bringt, Terroristen vernetzen sich, Frauen werden belästigt, aber für mich ist das Internet alles!»

Grossmutter Sokhina, die selber nie zur Schule ging, sagt: «Ich musste manchmal kämpfen, aber heute bin ich glücklich, weil meine Enkel es einfacher haben. Das Wichtigste ist, dass sie alle eine gute Ausbildung bekommen.» Und Enkel habe sie viele. Sokhina hat zehn Kinder zur Welt gebracht hat, von denen neun überlebten.

Sinthia dagegen hat nur ihre Schwester. «Natürlich hätten sicher alle Eltern gern einen Sohn», sagt sie. «In zehn Jahren, da will ich in einer führenden Position sein und meine Eltern stolz machen. Ich will für sie alles sein, was auch ein Sohn für sie wäre. Ja, ich bin ihr Sohn!»