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María Paz, 68, und ihre Enkelin Noemí Geovanna Mamani Quispe, 20, leben beide in der bolivianischen Kleinstadt Achocalla unweit von La Paz.

María Paz, 68, und ihre Enkelin Noemí Geovanna Mamani Quispe, 20, leben beide in der bolivianischen Kleinstadt Achocalla unweit von La Paz.

Geovanna will nach der Sekretärinnenausbildung auch noch studieren. Ihre Eltern haben wenig Verständnis. Grossmutter María durfte die Schule nur drei Jahre besuchen, aber sie steht hinter den Plänen der Enkelin: Die Jungen sollen ihre Möglichkeiten unbedingt nutzen! 

Früher war es nicht besser. Die Sehnsucht nach früheren Zeiten ist bei der 68-jährigen María Paz nicht zu finden. Wenn sie von ihrer Kindheit erzählt, geht es vor allem um Mangel und Einschränkungen. «Wir lebten in einem Haus aus Lehmziegeln und Stroh.» – «Wir assen Mais, Quinoa, Kartoffeln und Hülsenfrüchte. Wenn es hin und wieder Milch gab, war das nur für die Kinder.» – «Strom hatten wir keinen.» – «Für das Wasser mussten wir eine Stunde lang gehen.» – «Transportmöglichkeiten in die Stadt gab es nicht.» Die 68-Jährige beklagt sich nicht, und sie klagt niemanden an. Sie erzählt, stellt fest, und nur, wenn sie davon erzählt, dass sie keine anständige Schulbildung erhielt, klingt so etwas wie ein Vorwurf mit. Die kleine María ging nur gerade drei Jahre lang zur Schule. Heute kann María Paz ein wenig lesen, ein wenig schreiben und ein wenig rechnen.

«Die Eltern wollten nicht, dass wir Mädchen in die Schule gehen. Sie wollten, dass wir kochen lernen.»

Und so lernte sie kochen. Sie packte bei der Feldarbeit mit an, hütete das Vieh der Familie, heiratete früh und brachte acht Kinder zur Welt. Heute freut sie sich, dass ihre Enkelin es leichter hat als sie. «Wir haben zusehen können, wie sie vorankam und die Mittelschule abschloss. Und jetzt will sie studieren.»

Nach der Primar- und die Sekundarschule absolvierte die 20-jährige Noemí Geovanna Mamani Quispe eine Ausbildung zur Sekretärin. Sie will mehr: «Ich will in einer wichtigen Institution oder einem grossen Unternehmen arbeiten. Dafür brauche ich ein Studium.» An der Universität belegt sie den Vorkurs für ein Wirtschaftsstudium. Sie lebt im kleinen Haus ihrer Eltern, bewohnt mit ihrem jüngsten Bruder ein Zimmer. Der Vater arbeitet als Automechaniker, die Mutter kümmert sich um den kleinen Bauernhof. Die älteren Brüder sind nach Argentinien ausgewandert, oder sie sind in der Armee. Die Schwestern leben in unglücklichen Ehen und warnen Noemi davor, sich allzu schnell, allzu leichtfertig zu binden. Noemi nimmt die Warnungen ernst. «Sicher, auch ich will einmal Kinder haben. Zwei, ein Mädchen und einen Jungen. Aber zuerst will ich fertig studieren. Meinen Ehemann werde ich selber und sorgfältig auswählen.»

Wenn Geovanna ihrer Grossmutter zuhört, dann fallen ihr zwei Sachen auf. «Das Leben zu ihrer Zeit war weniger kompliziert, die Luft war besser, und in den Strassen war weniger Gewalt. Aber heute haben wir mehr Möglichkeiten, in der Schule und in der Arbeit.» Ihr Lebensgefühl fasst sie in einem einzigen Satz zusammen:

«Ich glaube, das Leben ist sehr anstrengend. Aber wenn man sich wirklich anstrengt, kann man das erreichen, was man will.»

Allerdings muss sie dafür kämpfen. Die Eltern wollen nicht recht einsehen, dass sie nicht als Sekretärin arbeiten, sondern auch noch studieren will. «Der Rückhalt fehlt mir», sagt sie, und ihre Augen füllen sich mit Tränen.

Die Grossmutter hingegen steht dem Studium positiv gegenüber. «Die Jungen haben zwar mehr Möglichkeiten zu studieren und einen Beruf zu erlernen», sagt sie. «Aber nicht alle nutzen diese Möglichkeiten. Sie wählen den leichteren Weg. Sie geben sich dem Trinken hin, und die Mädchen werden früh schwanger.» Von Geovanna allerdings hat sie eine hohe Meinung. «Sie weiss, dass das Leben auch heute schwierig ist, aber sie strengt sich an. Ausserdem hilft sie ihren Eltern, und sie respektiert mich.»